Interview: Salah Hussein über seine Erfahrungen im Malteser-Libanoncamp

Salah Hussein, selbst gebürtiger Libanese, nahm 2019 als Helfer am Libanoncamp teil.
Salah Hussein, selbst gebürtiger Libanese, nahm 2019 als Helfer am Libanoncamp teil.

Das Malteser-Libanoncamp ist eine Initiative für und mit Menschen mit Handicap. In einem behindertengerechten Haus in den Bergen nahe Beirut kommen Gäste aus verschiedenen Heimen im Libanon zusammen und werden dort eine Woche lang in einer Einzelbetreuung umsorgt und gepflegt. 2019 waren erstmals auch ehren- und hauptamtliche Malteser aufgerufen, als Helfer/in am Libanoncamp teilzunehmen. In diesem Jahr kann das Camp aufgrund der Corona-Pandemie leider nicht wie geplant stattfinden, der Termin wird aber im nächsten Jahr mit den bereits angemeldeten Teilnehmer/innen nachgeholt.
Warum sich das Warten auf die nächste Anmeldephase lohnt, berichtet Salah Hussein alias "Sally". Seit 2016 ist er als Ehrenamtskoordinator bei den Maltesern tätig. Der gebürtige Libanese ist stolzer Vater von fünf Söhnen und einer Tochter. Aufgrund des Bürgerkrieges floh er 1986 aus Beirut, seit 1997 ist er in Deutschland eingebürgert.

Sally, wie kamst du dazu, am Libanon Camp teilzunehmen? 
Irgendwann mal habe ich eine E-Mail bekommen, mit Informationen zum Libanon-Camp. Ich komme selbst aus dem Libanon und habe mir direkt gedacht: „Meine Heimat ruft, ich würde gerne meinen Landsleuten helfen“. Also habe ich auf die E-Mail geantwortet und einen Termin gemacht, um mich zu informieren. Unser Bereichsleiter für das Ehrenamt, Stephan Grabber, sagte mir, dass wir aus dem Landkreis Vechta noch keinen Teilnehmer für das Camp haben, und dass er sich freuen würde, wenn ich mich bewerbe. Also habe ich den Antrag ausgefüllt und nach Köln geschickt – und wurde tatsächlich eingeladen. Der Präsident der Malteser Libanon, Marwan Sehnaoui, erzählte mir später, er habe sich sehr darüber gefreut, dass ein Libanese aus Deutschland kommt, um das Projekt zu unterstützen. 

Hattest du irgendwelche Ängste oder Bedenken, bevor es losging?
Ja klar. Ich wusste ja nicht genau, was auf mich zukommt, deswegen war ich anfangs sehr unsicher. Bis mir Alan, der stellvertretende Camp-Leiter, ein bisschen was erzählt hat, um mir die Bedenken zu nehmen. Er verriet mir, dass ich einen Gast bekommen werde, der Ali heißt und relativ fit ist, der aber einfach sehr viel Redebedarf hat. Das hat mir die Aufregung ein wenig genommen.
 
Vor Ort angekommen - wie sah der Tagesablauf aus? Was waren deine Aufgaben im Camp?
Nach der Ankunft haben wir uns zuerst einmal die gemeinsam die Einrichtung angeschaut: Es war ein ganz neues Gebäude, sehr modern und komfortabel eingerichtet. Der Leiter des Projekts weihte uns dann in unsere Aufgabe ein: Jede Begleitperson erhielt einen Gast, der eine Woche lang zu betreuen und zu pflegen war. Rund um die Uhr, von morgens bis abends. Das heißt Begleitung beim Aufstehen, bei der Körperpflege, beim Essen, beim Zubettgehen. Und natürlich ging es in erster Linie darum, den Gästen eine schöne Zeit im Camp zu schenken. Also haben wir uns immer wieder schöne Aktivitäten einfallen lassen, es wurde gesungen, getanzt, gelacht und es wurden Spiele gespielt. 
Außerdem war jeder Teilnehmer einmal mit der Nachtwache dran. Mich hat es natürlich gleich am ersten Abend erwischt (lacht). Die Nacht war wirklich sehr unruhig, ein Gast fiel aus dem Bett, ein anderer wollte unbedingt im Rollstuhl schlafen, einer hatte Angst im Dunkeln, und wieder ein anderer konnte überhaupt nicht schlafen. Zum Glück waren wir in der Nachtwache zu dritt, sodass die Arbeit gut zu bewältigen war. Um den Kolleginnen
und Kollegen die kommenden Nächte etwas zu erleichtern, habe ich anschließend alle Informationen gesammelt und aufgeschrieben. Die anderen waren sehr dankbar dafür, denn so wusste sie schon ungefähr, was auf sie zukommt.

Was waren die größten Herausforderungen für dich?
Da mein Gast wie gesagt sowohl körperlich als auch geistig recht fit war, befand ich mich in einer sehr glücklichen Situation. Wir haben uns viel auf libanesisch unterhalten und hatten eine tolle Zeit zusammen.
Aber ich habe bei fast allen anderen gesehen, was für eine große Herausforderung die tägliche Pflege darstellen kann. Denn die Gäste hatten zum Teil schwere Behinderungen. Die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer hatten nicht alle eine Pflegeausbildung und es gab einige Situationen, in denen sie über sich hinauswachsen mussten. Zum Glück gab es ausreichend fachliche Unterstützung. Die Begleitpersonen waren in mehrere kleine Gruppen unterteilt. Jede Gruppe hatte eine fachliche Leitung, an die man sich bei Fragen oder Schwierigkeiten jederzeit wenden konnte. Und natürlich hat man sich auch untereinander geholfen, wo man nur konnte. Da ich mein Gast relativ selbständig und ich nicht so sehr eingebunden war, konnte ich den anderen sehr viel helfen. Und wenn es mit dem eigenen Gast mal nicht so rund lief, wurde einfach untereinander getauscht. 

Gibt es Geschichten oder Aktionen, die dir besonders in Erinnerung geblieben sind?
Ach, es gab viele schöne Dinge, die wir unternommen haben. An einem Tag waren wir mit den Gästen am Strand. Vorher hatten noch alle Angst vor dem Wasser gehabt. Und auf einmal wollten alle ausgerechnet mit mir ins Wasser, also durfte ich einen Gast nach dem anderen mit ins Wasser nehmen.
An einem anderen Tag waren wir zu viert auf eigene Faust unterwegs – ich und eine andere Begleitperson mit unseren Gästen. Die Gäste wollten immer so gerne essen gehen, um ihnen etwas Gutes zu tun haben wir ihnen ein richtig dickes Menü spendiert. Anschließend haben von der Leitung Ärger bekommen und erfahren, dass das nicht erlaubt ist. 
Ansonsten haben wir einige Einrichtungen und Projekte der Malteser im Libanon besucht. Man hatte aber zwischendurch auch mal Freizeit und hat einfach zusammen gesungen, geplaudert und gelacht. Und abends, wenn die Gäste im Bett waren, konnte man in gemütlicher Runde ein bisschen zusammensitzen und entspannen.

Wie war der Abschied aus dem Camp?
Obwohl wir von den zehn Tagen Aufenthalt nur sieben Tage mit unseren Gästen verbracht haben, war der Abschied sehr traurig und tränenreich. Man hat sich in den wenigen Tagen schnell aneinander gewöhnt und eine schöne Zeit gehabt. Alle haben geweint, als die Gäste abgeholt wurden. Und die Gäste haben sich so lieb für die Unterstützung bedankt. 
Diese Stille im Haus anschließend war ganz schlimm, da musste man sich erstmal dran gewöhnen. Vorher war dort so viel Leben. Wir haben uns abgelenkt, indem wir das Haus geputzt haben, denn für die nächsten Gäste musste alles wieder pikobello sein.  

Gibt es etwas, das dich rückblickend besonders bewegt oder beeindruckt hat? 
Vor allem der Zusammenhalt untereinander hat mich beeindruckt. Das betraf mich auch ganz persönlich. Zu dem Zeitpunkt, als wir in den Libanon flogen, war meine Frau sehr krank, und ich konnte sie schlecht allein lassen. Also flog meine Frau mit in den Libanon und besuchte für die Zeit, die ich im Camp verbrachte, ihre Familie. Natürlich habe ich sie trotzdem sehr vermisst und mir große Sorgen gemacht. Beim Morgengebet vor dem Frühstück wurde jedes Mal gemeinsam für meine Frau gebetet. Das hat mir in dieser Zeit viel Kraft gegeben. Ich bin Moslem, aber die Gebete sind in jeder Religion die gleichen. Nach dem Camp haben wir mit der Familie noch einige Zeit im Libanon verbracht, sind herumgefahren, und haben uns viel angeschaut. Dieser Tapetenwechsel hat meiner Frau sehr gutgetan und viel zu ihrer Genesung beigetragen.
Insgesamt hat mich beeindruckt, dass in einer solchen christlichen Einrichtung, die von Nonnen betreut wird, Menschen aller Glaubensrichtungen zusammenfinden. Eine Nonne ist mir mit ihrer liebenswürdigen Art besonders in Erinnerung geblieben. Sie war immer so ruhig und gelassen. Alle haben sie sehr gern gehabt, denn sie ist mit jedem einzelnen so liebevoll umgegangen. Und das nicht nur eine Woche lang, sondern jeden Tag. Davor habe ich großen Respekt.

Welche Eigenschaften sollte man als Camp-Teilnehmer mitbringen?
Gute Laune ist auf jeden Fall sehr wichtig! Bei mir liegt das ein bisschen in der Natur, daher habe ich diese gute Laune immer gehabt. Man sollte so gut es geht alles mit Humor nehmen, immer lustig sein, nie Trübsal blasen. Die Gäste brauchen das, sie wollen Spaß haben, lachen, Musik machen und die Zeit genießen. Man muss aber auch viel Kraft mitbringen und darf nicht schüchtern sein. Ganz wichtig ist, dass man ein Teamplayer ist. Dem neuen Team kann ich als Ratschlag mit auf den Weg geben, sich immer gegenseitig zu unterstützen. Alleine ist es schwierig, zusammen ist die Arbeit viel einfacher.

Würdest du erneut am Camp teilnehmen?
Ja, es hat richtig Spaß gemacht. Ich kann die Teilnahme jedem empfehlen. Man hat viel gelernt, viel erlebt und viel für sich selbst mitgenommen. 
Ich möchte gerne noch liebe Grüße an Clemens und seine Familie sowie an alle Kolleginnen und Kollegen vom Malteser Caravan Libanonprojekt bestellen. Vielen Dank für die tolle Zeit!

Sally, vielen Dank für das Interview und die Zeit, die du dir genommen hast!

Allgemeine Informationen zum Libanon-Projekt sowie zu den Sommercamps gibt es unter http://www.libanonprojekt.de.